Auf den Hund gekommen 

Ich habe wirklich keine Ahnung mehr, wie ich eigentlich ursprünglich auf die Idee gekommen bin, dass ein Hund eine tolle Sache wäre. Vielleicht war es auch eher so herum, dass es mir vorher schlichtweg nicht in den Sinn gekommen ist, weil es unmöglich gewesen wäre, einen Hund an meinem alten Arbeitsplatz (ein Forschungslabor) zu integrieren. Ein Bürohund hingegen gehört ja mittlerweile fast schon zum guten Ton – und während ich so gedanklich an meiner Idee feilte (Hundebilder anschauen, Hundevideos gucken, Hundebücher lesen… man steigert sich da ja so rein mit der Zeit…), reifte in mir auch die Überzeugung, dass die webfactory die perfekte Bürohundefirma wäre. Allein schon, weil uns Mitarbeiter*innen ja doch eher selten ein (realistisch umsetzbarer) Herzenswunsch abgeschlagen wird. Ich war mir dann auch einigermaßen sicher, dass meinem Vorschlag kaum jemand würde widersprechen können, denn ich hatte mir einen sehr guten Plan zurechtgelegt: Es würde kein so richtiger Hund werden, sondern nur ein Pflegehund. Ein Bürohund auf Zeit also. Das hielt ich auch privat für eine gute Idee, denn ich wollte mich auch nicht so gerne direkt ein ganzes Hundeleben lang verpflichten, ohne zu wissen, ob mir das mit dem Vierbeiner überhaupt so gut gefallen würde und ob meine Lebensumstände über Jahre hinweg die Betreuung eines Hundes zulassen würden. Ein Pflegehund hingegen schien mir die win-win-win-situation zu sein: Win-1 und 2 für die Firma und mich, die keine Entscheidung für immer treffen müssten, sondern in Ruhe ausprobieren könnten, und win-3 für den Hund, der bei mir würde leben dürfen, bis er seine Adoptivfamilie gefunden hätte, anstatt im Tierheim auf sie warten zu müssen. 

Die Entscheidungsphase

Als die Idee also lange genug gereift war (und ich das Gefühl hatte, dass mein Jobstart ausreichend lange zurücklag um nicht zu sehr mit der Tür ins Haus zu fallen...), habe ich schließlich eine Mail ans Team geschrieben und meinen Wunsch erklärt. Ich wollte, dass sich alle ganz in Ruhe und in ihrem eigenen Tempo Gedanken zu dem Thema machen konnten, bevor wir in der großen Runde darüber reden. Und natürlich bot so eine Mail auch ausreichend Raum, um auf sämtliche Studien zu verlinken, die zeigen, wie gut sich die Anwesenheit von Hunden am Arbeitsplatz auf die Mitarbeiter*innen auswirkt. ;-)

Der in den nächsten Wochen folgende "Kampf" war kein großer, aber es mussten schon einige Gespräche geführt werden. Einige Mitarbeiter reagierten vollkommen begeistert, anderen war es relativ egal. Ein Mitarbeiter machte sich Sorgen um seine schwelende Hundeallergie, ein anderer machte sich große Sorgen um alles Mögliche (Haare auf dem Teppich, unangenehmer Geruch, Postboten verbellen, „Den gibst du doch nie wieder ab“ etc.). Auch die Unabsehbarkeit der Länge des Experiments war ein Thema. Zu meiner großen Freude erhielt ich auf meinem Weg allerdings auch Unterstützung von der hundebegeisterten Fraktion im Team: Somit tummelten sich plötzlich auf mysteriöse Art und Weise eine große Anzahl an niedlichen Hundebildern in unseren Testfotos oder es wurden ganz unauffällig Tüten voller Hunderleckerlis im Sichtbereich der Skeptiker deponiert. Ich gab mir unterdessen Mühe, allen genannten Sorgen einen passenden Lösungsvorschlag entgegenzusetzen. So versprach ich beispielsweise, mit dem Vierbeiner für die Dauer seines Besuchs in unseren Meetingraum auf der anderen Straßenseite umzuziehen, falls er sehr stören würde oder irgendjemand wirklich schlimme Allergieschübe hätte. Es hat ein Weilchen gedauert, doch letzten Endes waren alle Fragen geklärt, alle Hürden überwunden und so zog im Februar schließlich die weiße Wuschel-Hündin Blanca bei uns ein.

Blanca liegt beim Teammeeting auf einem Zettelstapel
Blanca beim Teammeeting

Ein Hund zieht ein

Ich glaube, die Zeit mit Blanca war für mich privat deutlich aufregender als für die Kollegen auf der Arbeit. Blanca war eine liebe Hündin, die auf der Arbeit meistens brav auf ihrem Platz lag, gerne Stofftiere zerkaute, und deren einzige offensichtliche Macke darin bestand, mir auf Schritt und Tritt nachzulaufen. Angst und Bange wurde mir kurz, als sie den Serverraum mit der Hundewiese verwechselte und eine nasse Pfütze auf dem Teppichboden hinterließ – und als sie dann auch noch Durchfall bekam, der auf selbigem landete. Doch zu meiner großen Überraschung lösten die Teppichunfälle keine Krise in der Firma aus und letzten Endes hatte ich sogar das Gefühl, die einzige zu sein, die das richtig schlimm fand. Auch die restlichen der zuvor geäußerten Sorgen lösten sich in Luft auf: Blanca bellte nicht, zerkaute keine Möbel, stank auch nicht unangenehm (Profitipp: Hund baden!) und niemand erlag einem Allergieschock. Insgesamt blieb Blanca bloß für zwei Wochen und dann zog sie auch schon wieder aus. Das darauf folgende Teamfazit zum ersten Hunde-Experiment fiel insgesamt positiv aus. Das wichtigste: Die Skeptiker hatten ihre Meinung geändert und fanden das Büroleben mit Hund doch gar nicht so schlimm. Ganz ohne lange Umschweife stimmten dann auch direkt alle zu, dass ich noch einmal einen Pflegehund mit zur Arbeit nehmen dürfte – immerhin war ich ja auch fast ein bisschen traurig, dass Blanca uns so schnell wieder verlassen hatte. Und so zog nur kurze Zeit später Nico bei uns ein. 

Noch ein Hund zieht ein

Auch wenn Blanca schon brav war, übertraf Nico sie sogar noch. Auf der Arbeit tapste er ab und an friedlich durch die Räume, schlief die meiste Zeit des Tages in irgendeiner Ecke, war — selbst mit Durchfall (warum haben Hunde eigentlich ständig Durchfall???) — vorbildlich stubenrein und eigentlich nahm man ihn nur so richtig wahr, wenn er ab und an empört herumwuffte, weil er etwas zu essen haben wollte. Es sah fast so aus, als würde auch Nico nach kurzer Zeit adoptiert werden, doch dann stellte sich heraus, dass er einen Herzfehler hat und deswegen wohl kaum noch Chancen, eine Familie zu finden. Und somit blieb Nico. Bis heute. Besonders schön fand ich es zu sehen, wie die Gespräche über sein für-immer-bleiben im Vergleich zu den ersten Hundegesprächen abgelaufen sind: Während wir am Anfang über mehrere Wochen Unterhaltungen geführt haben, war die Entscheidung darüber, dass er bleiben darf, nach einer Weile des Austestens dann blitzschnell gefallen: Eine Runde, jeder durfte seine Meinung sagen und nach einer Minute war das Ding durch. 

Nico auf seiner Decke im Büro
Nico auf seiner Decke im Büro

Status heute

In der Firma hat Nico mittlerweile etliche Fans gefunden und dreht tagsüber seine Runden durch die Büros, um sich von einem nach dem anderen durchkraulen zu lassen. Als ich über das Wochenende verreist war, durfte er sogar schon einmal bei einem Kollegen übernachten, ein anderer war schon mit auf der Hundewiese und immer mal wieder fallen Sätze wie: „Ich finde es einfach schön, wenn wir ein Teammeeting haben und Nico legt sich zu uns.“ Unter seinem Pseudonym „Obi-Wau Kenobi“ hat Nico sogar mittlerweile seinen eigenen Teamavatar und einen Eintrag in der Mitarbeiter-Sektion unserer Website. Während die Hundeallergiker sich eingangs noch eher von ihm ferngehalten und nach jedem Kraulen die Hände gewaschen haben, ist auch das mittlerweile passé und selbst die Hundeskeptiker haben hier und da mal ein paar Streicheleinheiten übrig. Soweit ich das beurteilen kann, haben sich alle Sorgen des Teams mittlerweile in Luft aufgelöst und ich kann jeder anderen Bürogemeinschaft somit nur ans Herz legen, das Experiment einfach mal selbst zu wagen, statt sich zu sehr in was-wäre-wenn-Gedanken und Ängsten zu verstricken.

Und über die Arbeit hinaus? Nun, der arme Nico hat wirklich ganz laut „Hier“ gebellt, als die Hundekrankheiten verteilt wurden. Zu dem Herzfehler kamen mit der Zeit immer mehr Diagnosen und Behandlungen dazu. Glücklicherweise geht es Nico dank medizinischer Betreuung mittlerweile richtig gut. Zugegebenermaßen: Hätte ich mich anfangs direkt für einen eigenen Hund entschieden, wäre es wohl kaum ein alter, kranker Hund aus dem Tierheim geworden, sondern vermutlich ein Welpe vom Züchter – aber jetzt bin ich sehr froh darüber, dass es eben Nico geworden ist und glaube wirklich nicht, dass ich mit einem anderen Hund glücklicher wäre. Wie eingangs angedeutet, hätte ich mich auch von selbst vermutlich nicht so bald getraut, einen Hund für immer zu mir zu nehmen und bin ganz froh, dass das Schicksal mir da einen kleinen Schubs gegeben hat.

Nico rollt sich vor dem Lab auf der Straße
Nico vor dem Lab

Noch ein Hund zieht ein?

„Wir sollten mehr Bürohunde haben“, sagte vor einiger Zeit ein Kollege ganz unbedarft, beim Mittagessen. Im Nachhinein könnte man meinen, dass diese Aussage vielleicht prophetischer Natur war, denn seit kurzem liebäugelt der nächste im Team mit der Adoption eines Vierbeiners. Wie es ausschaut, sind unsere Fellknäule also bald zu zweit und beim Mittagessen kann es nun schon einmal vorkommen, dass wir über Hunderassen und Welpenerziehung diskutieren. 

Ist dies also die Geschichte einer Firma, in der plötzlich nur noch Hundefans arbeiten und in der selbst der letzte Hundeskeptiker sein Herz an die Vierbeiner verloren hat? Keinesfalls! Nach wie vor gibt es unter uns hundebegeisterte und weniger hundebegeisterte Teammitglieder. Was unser Experiment aber gezeigt hat ist, dass wir eine Firma sind, in der die Bedürfnisse und Wünsche einzelner ernst genommen werden, in der wir miteinander reden, uns auf Experimente einlassen und bereit sind, unsere Meinung zu ändern. Zwar mögen nicht alle von uns ganz persönlich Lebensfreude daraus ziehen, dass es Nico gibt, doch haben alle mal mindestens festgestellt, dass er sie nicht stört und waren bereit, von ihrer ablehnenden Haltung Abstand zu nehmen. Und das ist auf jeden Fall einer der Gründe, warum ich sehr froh darüber bin, in diesem Team zu arbeiten. ♡

Falls jemand von euch lieben Leser*innen auch gerne einen Hund mit ins Büro nehmen möchte und Fragen hat oder sich einfach so für das Thema interessiert, wendet euch doch einfach an mich via: info@webfactory.de

Nico vor einer Landschaft

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